Bolkerstraße Düsseldorf Altstadt Bier genießen
Foto: Thorsten Donig

Stirbt die Altstadt bald aus? – Neuer Kontrollwahn der Stadt Düsseldorf

Die Düsseldorfer Altstadt ist als „längste Theke der Welt“ eine weltweit bekannte Ausgehmeile und das Markenzeichen der Stadt Düsseldorf. Nun gab es Beschwerden von Anwohnern, die sich von der Geräuschkulisse belästigt fühlen. Das Ordnungsamt geht mit einer bisher unbekannten Härte gegen Altstadtwirte vor – und verbietet Lautsprecher in den Außenbereichen. Warum dies der Anfang vom Ende einer ungezwungenen Ausgeh-Kultur ist.

 

Die neue Regelwut.

Regeln müssen sein – auch im Nachtleben. Das ist unbestritten. Allerdings gab es schon immer Regeln zur Lärmregulierung und zum Anwohnerschutz. Vollkommen neu ist jedoch, dass die Stadtverwaltung ohne jegliches Fingerspitzengefühl und mit drakonischen Strafen gegen die Altstadtwirte vorgeht. Früher wurde mit typisch rheinischer Gelassenheit öfter mal ein Auge zugedrückt. Denn das Rheinland steht wie vielleicht keine andere Region in Deutschland für Toleranz, Lebensfreude & Genuss. „Mer muss och jünne könne!“ sagt das Rheinische Grundgesetz. Zu Deutsch: Man muss auch gönnen können.

 

Live-Musik in der Düsseldorfer Altstadt | Foto: Hausbar Düsseldorf

Live-Musik in der Düsseldorfer Altstadt | Foto: Hausbar Düsseldorf

Gönnen tut die Stadtverwaltung den feiernden Gästen und Altstadtwirten aber aktuell kein Haarbreit: Außenlautsprecher wurden im März 2015 komplett verboten. Wo man früher noch mit Augenmaß allenfalls mündlich verwarnte, kommen heute Schallmessgeräte zum Einsatz. Beim ersten Verstoß gibt es eine Abmahnung, beim zweiten eine hohe Geldstrafe. Deren Höhe verdoppelt sich mit jedem Verstoß. Bishin zum Entzug der Konzession und damit der dauerhaften Schließung des Betriebs. Und das nicht nur in der Theorie: Am vergangenen Donnerstag kontrollierte das Ordnungsamt einen Gastronomen auf der Bolkerstraße, der Live-Künstler auftreten lässt, um dem Mallorca-Image der Altstadt entgegenzuwirken. Er wurde gezwungen, Türen und Fenster zu schließen und musste somit seine Terrassengäste von der Veranstaltung ausgrenzen. Nicht zuletzt deswegen präsentierte sich die Altstadt an solchen Abenden als ausgestorbene Ausgeh-Meile.

 

Warum die Politik die Altstadt sterilisieren will.

Viele schimpfen auf das Ordnungsamt. Aber es ist bei dem ganzen Vorgang nur das ausführende Organ. Man ist dort nicht einfach spontan „strenger“ geworden als früher. Vielmehr wurde die neue repressive Linie von oberster politischer Ebene ganz bewusst angewiesen. Nachdem die rot-grüne Landesregierung im sonst sehr toleranten Nordrhein-Westfalen vor einigen Jahren eines der strengsten Nichtraucherschutzgesetze Deutschlands verabschiedet hat und einen Großteil der Abendgäste so auf die Straßen drängte, möchte die neue rot-grüne Stadtregierung unter Oberbürgermeister Geisel die Menschen nun am liebsten wieder von den Straßen verbannen. Geisel äußerte in jüngster Vergangenheit schon ähnliche Ideen: So wollte er sich zum Beispiel für ein Alkohol-Verkaufsverbot an Kiosken nach 21 Uhr stark machen.

 

Doch wieso will Geisel in der Altstadt rigoros aufräumen? Woher der neue Kontrollwahn? Eine Vermutung sind kommerzielle Interessen. Die Stadt ist in letzter Zeit sehr um die Ansiedlung von hochpreisigen Neubau-Immobilienprojekten aus dem Luxus- und Premiumsegment bemüht. Das Andreas Quartier öffnet demnächst seine Pforten an der Ratinger Straße. Das Luxushotel De Medici an der Mühlenstraße (mit Schlafräumen zur belebten Kurze Straße) hat kürzlich eröffnet. Dieses neue Anwohnerklientel möchte natürlich seine Quadratmeter- bzw. Zimmerpreise nicht durch Geräuschbelästigungen gefährdet sehen. Nachdem auch schon in anderen Stadtteilen viele Kult-Locations des Nachtlebens für Neubauprojekte Platz machen mussten, ist dieser Prozess – die sogenannte Gentrifizierung – nun auch in der Altstadt auf dem Vormarsch. Welche heimlichen Abmachungen zur Durchsetzung eines strengeren Lärmschutzes hat die Politk mit den neuen und gut zahlenden Edel-Anwohnern geschlossen?

 

Der Düsseldorfer OB Thomas Geisel | Foto: Foto: Facebook / Thomas Geisel

Der Düsseldorfer OB Thomas Geisel | Foto: Facebook / Thomas Geisel

Erst kürzlich riss die Stadt historische Pflastersteine in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in der gesamten Altstadt heraus und ersetzte sie durch ordentliche, einkaufsstraßenübliche Fliesen „nach DIN-Norm“. Vielleicht, um weitere Bereiche der Altstadt strukturell von der Ausgeh- zur Shoppingmeile nach Vorbild der Flinger Straße zu verändern? Will die Politik die Altstadt häppchenweise und ohne großes Aufsehen fein rausputzen, damit sie zum Gesamtkonzept Kö-Bogen & neue Shadowstraße passt? Dies würde zu höheren Mieten führen, die sich nur die üblichen, gesichtslosen Shopping- und Systemgastro-Ketten leisten können, aber keine inhabergeführten Brauhäuser, Bars, Clubs & Restaurants. Vielfalt ginge verloren.

 

Eine weitere These ist, dass die jüngsten Berichte über Vorfälle mit Rockerbanden in einzelnen Altstadtclubs Herrn Geisel ein Dorn im Auge sind. Die Bekämpfung solcher Aktivitäten ist sicher richtig. Sie ist jedoch Aufgabe der entsprechenden Sicherheitsorgane. Statt sie zu bemühen, schießt die Poltik mit Kanonen auf Spatzen und will die Altstadt insgesamt sterilisieren. Und beschneidet damit die freiheitliche und tolerante Ausgehkultur, für die wir so bekannt sind.

 

Die Altstadt steht für rheinische Lebensfreude.

Die „Nachfrage nach Nachtleben“ ist ungebrochen hoch. Düsseldorf ist eine der TOP-5-Wirtschaftsstandorte in Deutschland. Dementsprechend stark ist der Leistungsdruck im Arbeitsalltag. Am Wochenende möchten gerade die über 25-jährigen Düsseldorfer den harten Büroalltag vergessen und einfach mal „einen draufmachen“. Hinzu kommen etliche Touristen und Feiernde aus dem Umland, dem Ruhrgebiet und der ganzen Welt. Sie alle spülen zusätzlich Geld in die Kassen der Stadt. Die Altstadt ist das Herz der Stadt Düsseldorf. Und die ausgelassenen Besucher sind der Herzschlag.

 

Die weltbekannte New York Times berichtet über die Düsseldorfer Altstadt: “Die ‘längste Theke der Welt’, wie sie die Einheimischen nennen, verwandelt sich mit Einbruch der Dunkelheit zu einer ausgelassenen, geräuschvollen Kulisse, wenn viele Menschen draußen die lokale Spezialität, Altbier, trinken.” Ist diese weltweit einmalige Ausgelassenheit in Gefahr?

 

Foto: Shutterstock

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Die Huffington Post schrieb kürzlich über die Region: „Der Rhein: Das Mittelmeer Deutschlands. Unsere Toleranz, unsere mediterrane Art, diese Lebens- und Genussfreude, gepaart mit einer gewissen Laissez-faire-Haltung stoßen bei anderen Deutschsprachigen oft auf völliges Unverständnis.“ Was momentan bei den Düsseldorfern auf völliges Unverständnis stößt, ist wie die Poltik diese unveräußerlichen rheinländischen Alleinstellungsmerkmale versucht zu verkaufen.

 

Der in der Altstadt geborene und ansässige Unternehmer Gerd Kichniawy fragt: „Was muss noch alles passieren, bevor die massive Beschränkung einer traditionellen Düsseldorf Institution registriert wird, die mit einer Minderung der Lebens- und Freizeitqualität der Bürgerinnen und Bürger einhergeht.“

 

Wie die Toten Hosen bereits 1989 in ihrem „Altbierlied“ sangen, haben wir in Düsseldorf „die längste Theke der Welt“. – Damit dies so bleibt, sollte die Düsseldorfer Politik ihre Einstellung zu einem Stadtteil, der nun mal vom Nachtleben lebt, überdenken. Etwas mehr Gelassenheit und etwas weniger Regulierungswut.